Geschichten, Sagen, Erzählungen um Angora Kaninchen

Hasenhärli und die Angora-Fee....von Margrit Seidel

Vorbemerkung:

Diese Geschichte stammt aus dem Buch

"Angora-Kaninchenzucht aber wie" von Karl Scheurer"

das 1953 erschienen ist. Dieses Buch befasst sich ausgiebig mit der Angora Zucht und mit den Angora Produkten. Es beschreibt die Verarbeitung der Angora Rohwolle bist zu den fertigen Wäscheteilen. Und unter Anderem wird auch diese Geschichte erzält.


(Heute würde das Jugendamt dem Osterhasenvater einiges erzählen, wenn er einen Jugendlichen bei Nacht aussperrt.

Außerdem ist Kinderarbeit heute verboten.

Denken wir deshalb zurück wie es früher war.

Oder, gibt es keine Wunder mehr weil es uns zu gut geht?)

 


Hasenhärli und die Angora-Fee

 

 

Tief draußen im Walde erhob sich, halb von bunten Blumen und Gras überzogen, ein brauner Erdhügel‚ mit vielen kleinen Fenstern und eine großen Tür.

"Osterhase" war in roten Buchstaben sorgsam darauf hingeschrieben. Fast immer kräuselte blauer Rauch durch ein kleines Loch hinauf ins grüne Blättergewirr einer Buche, denn Eier, Beeren, Wurzeln und Blätter für die Farben und der Kohl mussten gekocht werden. Ja, bei Familie Langohr gab es immer alle Hände voll zu tun. Jeder musste mithelfen, vom Kleinsten bis zum Größten, denn wo wäre wohl der Osterhase sonst mit seiner achtköpfigen Familie hingekommen?

 


 

 Aber unter den fleißigen Hasenkindern war doch eines dabei, dem die Eierarbeit so gar nicht behagte. "Gerade jetzt gibt es so viel Arbeit, und wenn man den Faulpelz braucht, ist er fort! Entweder macht er schon wieder Dummheiten, oder ist auf dem Kleeacker, um sich ein Gütliches zu tun!"

 

 

 Der Osterhasenvater grollte. Zu allem Ärger war auch noch die gelbe Farbe übergelaufen. Frau Langohr wischte sich verstohlen ein Tränlein fort. Es war ja auch ihr Jüngstes und von allen das Schönste. Keines von den Kindern hatte solch schneeweißes Pelzchen wie ihr Hasenhärli.

 

 

 Es war spät geworden. Die Eier waren schon alle sorgfältig in Körbe verpackt, und jedes kleine Ritzchen musste noch von den Hasenkindern mit Erdbeerblättern ausgestopft werden, damit keines bis zum nächsten Osterfest zerbrechen konnte.

 

 

 Der Osterhasenvater saß im Rindenstuhl, rauchte seine Pfefferminzblätter und dachte stirnrunzelnd nach: "Nein, mit dem Hasenhärli konnte es nicht mehr so weitergehen. Seine anderen Sechs würden einmal alle gute Osterhasen werden. Er konnte nur fleißige Kinder gebrauchen, denn mit dem Kohl, das war auch so eine Sache."

 

 

 Als Hasenhärli wieder recht spät angehoppelt kam, setzte es Vater Langohr kurzerhand vor die Tür. "Wer zu Hause nichts lernt, muss es in der Fremde tun. Zum Eieranmalen hast du noch nie getaugt. Schau zu, dass du etwas anderes Tüchtiges lernst!"

 

 

 Nun musste sich Hasenhärli Arbeit suchen. Es war stockdunkel. Nicht einmal ein Leuchtkäferchen zeigte ihm den Weg. Als ein Käuzchen im Flug nahe an ihm vorüber strich und seine heiseren, schaurigen Schrei ausstieß, war es mit seinem letzten Restchen Mut vorbei. Es verkroch sich zitternd unter ein Tannenbäumchen, dessen Zweige bis tief auf den Boden hingen. Und dort weinte das Häschen, weinte so lange, bis ihm die Äuglein rot wurden und es tief und fest einschlief.

 


 

 Nach einer Weile stieg der Mond rund und voll über dem Waldrücken auf. Aber was war das? Hatte sein Silberschimmer den Wald verzaubert? Von der Helligkeit erwachten die Vögel und zwitscherten schlaftrunken in den Zweigen; und mit einem Male begann sich ein unendlich zartes Klingen aus den Wiesen empor zu schwingen. Glockenblumen waren es, die von winzigen Blumenelfen unter großer Anstrenung geläutet wurden. Quellen und Bäche rauschten immer lauter, und wer recht hinhörte, der konnte eine wunderschöne Melodie erlauschen, die die glitzernden Wellen eilig von Stein zu Stein trugen. Aber die Glühwürmchen lernten sie flink auswendig. Sie schwebten und schwangen sich wie tausend kleine Funken über Wiesen und Bäche bis in die dunkelsten Stellen des Waldes hinein und sangen mit den Wellen und Blumen: "Johannisnacht, Johannisnacht, ihr Tierlein alle nun erwacht!"


 

 

 Und mitten durch dieses Klingen und Singen und den Duft der Blüten kam Angora einher geschritten, die jüngste Tochter der Waldfee. Einmal im Jahr, zur Johannisnacht, wenn die Tiere sprachen und Sonntagskinder die Wunderblume finden konnten, dann durfte Angora einem Tier etwas schenken, das recht traurig war und Hilfe brauchte. Wenn sie ihr Köpfchen neigte und unter Büsche und Zweige lugte, dann tanzten die Mondstrahlen auf ihren goldenen Locken. Ihr weißes Kleid aber leuchtete noch heller als der Mond.

 

 

Von all den wunderlichen Tönen war Hasenhärli aufgewacht. Zwei Tränen hingen ihm noch an den Wimpern. Mit weit geöffneten Augen und angehaltenem Atem horchte es umher. Plötzlich schritt die Fee auf sein Versteck zu. Vor Schrecken drückte sich Hasenhärli platt auf die Erde und sein Herz pochte so laut, dass es Angora hörte und neugierig die Zweige auseinander zog. Der Anblick von so viel Kummer und Schrecken gleichzeitig belustigte sie so sehr, dass sie wie ein Silberglöckchen hell auflachte: "Ja, hast du denn Angst vor mir?"

Bei ihrem Lachen aber hatte Hasenhärli alle Angst verloren und kam langsam aus seinem Versteck gekrochen. Liebreich strich sie über sein weißes, weiches Fell. "Wie kannst du nur in dieser Nacht so traurig sein?" fragte sie, und wischte ihm die Tränen fort, "alle Tiere sind doch heute glücklich!"

 

 

Da begann Hasenhärli seine ganze Geschichte zu erzählen. Fee Angora hörte aufmerksam zu und beschoss, dieses Mal ihre Hilfe dem kleinen Hasen zu schenken. Mit großen, dunklen Augen blickte sie freundlich und zugleich nachdenklich auf Hasenhärli, das sich vertrauensvoll an ihre Knie schmiegte. "Heute kann ich dir helfen", sagte Angora zu ihm, "denn ich bin eine Fee". "Ich will dir etwas geben, womit du die Menschen genau so glücklich machen kannst wie mit Ostereiern; nur glaube ich fast, dass der Segen dieser Gabe noch ein größerer sein wird." damit schlug sie mit der flachen Hand dreimal auf die Erde. Und, o Wunder, sie tat sich auf und eine Pflanze wuchs langsam empor, eine Knospe bildete sich, und dann schwebte auf schlankem Stengel eine schneeweiße, wunderbar duftende Blüte im silbernen Mondlicht. Die Fee brach sie und strich damit über das Fell des Hasen. Ein eigenartiges Gefühl durchzog Hasenhärli, und Angora sprach: "Du hast in dir jetzt eine Heilkraft gegen Krankheiten, unter der viele Menschen im alter, manche auch schon früher leiden. Tragen sie aber ein Kleidungsstück, das aus deinem Haar gesponnen und gewoben wurde, dann werden sie gesund. Komme einmal im Frühling und einmal im Herbst an diese Stelle und bringe mir deine gezupften Haare. Aber du musst immer fleißig sein! Du bist nun kein Osterhase mehr, sondern mein Angorahäschen. Lauf nun heim und sage es deinen Eltern, damit sie sich an dir freuen!". Noch einmal lächelte das Feenkind freundlich zum kleinen Hasenhärli, das sein Glück kaum zu fassen vermochte, und dann verschwand Angora wieder im Singen und Klingen der Nacht.

 


 

Ein paar Glühwürmchen hatten alles mit angehört, erzählten und sangen es weiter, bis der ganze Wald von Hasenhärlis großem Glück wusste.

So kommt es, dass im Frühling und im Herbst tief drin im Walde Angora sitzt und mit feinen Händen spinnt und strickt, und in mancher Nacht etwas aus Hasenhärlis Zauberhaar geheimnisvoll vor die Türen armer, kranker Menschen gelegt wird.

 

 

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