Autor: Ulrich Bauer sen. D-73751 Ostfildern

mailto:Ulr.Bauer@angora.de

4. Natur "Wolle" und ihre Verwendung für die menschliche Bekleidungs. Prophylaktische und Therapeutische Anwendungen. Bekleidungs-Physiologische Anforderungen

 

Presse Spiegel

Wärme hilft bei vielen Schmerzen (45_200)

1991

Schon unsere Vorfahren vor vielen tausend Jahren spürten die Wohltat wärmender Textilien. Tierfelle, mit möglichst langen Haaren, wurden um die schmerzen4en Stellen gelegt. Durch die gleichmäßige, trockene Wärme entspannt sich die Muskulatur, und Schmerzen werden gelindert. Wer es schon ausprobieren musste, weiß, es hilft auch heute noch genau so gut wie früher.

Der Mensch in seiner Entwicklung lernte verschiedenste Fasern zur Bekleidung zu verarbeiten. Überreife Wolle, vor allem die Winter Behaarung vieler langhaariger Tiere, wird im Frühjahr abgeworfen. Es bot sich damals an, diese Wolle aufzusammeln. Die einfachste Verarbeitung ist das Verfilzen. Schon aus einem Wollfilz lassen sich sehr gut Bekleidungsstücke anfertigen.

 

Ein Erfindergeist unter unseren Vorfahren entwickelte die Technik des Spinnens. Lose Wollfasern werden zu einem Garn zusammengedreht, und daraus wird Kleidung gestrickt. Diese Strickware ist vielseitiger — für Oberbekleidung und Unterwäsche — einsetzbar. Auch läßt sie sich von Zeit zu Zeit auswaschen, was bei Fellen nicht so leicht möglich ist.

Bald hatte man erkannt, dass die vom lebenden Tier gewonnene und verarbeitete Wolle noch aktiver in der Wirkung ist als das dem toten Tier abgezogene Fell.

Alle Tierhaare werden landläufig als »Wolle« bezeichnet. Dabei unterscheiden wir jedoch:

Grobe Tierhaare

Feine Tierhaare

Edelhaare

 

Wertvolle Schafwolle:


Am meisten verbreitet ist bei uns die vom Schaf gewonnene Wolle. Schafe sind leicht zu züchten und leben auf 80% der Landoberfläche unserer Erde. Einmal im Jahr wird geschoren, und pro Schur werden einige Kilogramm Schafwolle gewonnen.

 

Dass Schafschurwolle sehr gute therapeutische Eigenschaften besitzt, ist allgemein bekannt. Prof. Dr. Jäger erforschte als Mediziner die therapeutischen Vorteile der Schafwolle. Er prüfte ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und hatte verblüffende Erfolge. Dies führte dazu, dass er schon mit 50 Jahren seine Professur niederlegte und sich ganz der Wollforschung widmete. Er gab über 30 Jahre ein »Medizinisches Monatsblatt« heraus, in dem er seine Ergebnisse veröffentlichte. Die damals renommierte Firma Benger-Wäsche in Stuttgart, die die Jägerwäsche herstellte, hatte schon damals mit Jägerwäsche

— also am Anfang des 20. Jahrhunderts — Niederlassungen in Paris, London und New York.

Zu den Lesern seiner Monatsblätter gehörten vor allem Arzte, Apotheker und Lehrer. Weltweit wurde Prof. Dr. Jäger unter der Bezeichnung »Woll-Jäger« ein Begriff. Wäschegeschäfte, die ein gutes Sortiment pflegten, führten Dr. Jäger‘s Wollwäsche. Hergestellt wurde diese Dr.-Jäger-Wäsche, wie bereits erwähnt, von der renommierten Wäschefabrik Benger-Ribana in Stuttgart. Dr.-Jäger-Wäsche machte einen beträchtlichen Teil ihres Umsatzes aus.

 


 

Nun, warum ist das alles weitgehend in Vergessenheit geraten? Die Empfindlichkeit der menschlichen Haut hat sich wesentlich geändert. Trug man in früheren Jahrhunderten meistens Unterwäsche aus Leinen, so war eine naturbelassene Wollwäsche keinesfalls rauer, sondern angenehmer auf der Haut zu tragen. Die gesundheitlichen Vorteile der Wollwäsche für die menschliche Haut waren sofort für jedermann wahrnehmbar.

 

Baumwolle und Edelwollen:

Weicher und für die menschliche Haut noch angenehmer war dann die vor gut 100 Jahren aufkommende Baumwollwäsche. Mit technischen Raffinessen wurde das Aufsaugvermögen von Transpirationsfeuchtigkeit der Baumwollwäsche verbessert. Die Wirkfrott6e-Verarbeitung erhöhte den Luft Einschluss und somit die Wärmehaltigkeit. Für den gesunden Menschen in normalen Situationen war dies eine wunderbare, angenehme Unterwäsche.

 

Der menschliche Körper wurde aber mehr und mehr verwöhnt und dadurch empfindlicher. Der Umstieg auf eine Woll-Wäsche wurde deshalb für die Menschen immer schwieriger. Denken wir dabei auch an die Haut-Allergien, von denen heute viele Menschen geplagt werden. Auch sie zeigen, wie besonders empfindlich die menschliche Haut zwischenzeitlich geworden ist.

 

Wollunterwäsche aus Schafschurwolle läßt sich immer noch gut tragen. Nur wird meist mit chemischer Behandlung versucht, einen weichen, angenehmeren Griff zu erreichen. Dies führt aber oft zu einer Verringerung der therapeutischen Eigenschaften.

 

Diese Probleme sind nicht neu. Schon in den dreißiger Jahren und, dann vor allem nach dem 2. Weltkrieg, prüfte man die Verwendung von »Edelwollen«. Mikroskopisch stellte man fest, dass die Oberfläche der Edelwollen meistens nicht so stark geschuppt ist wie Schafwolle. Au­ßerdem ist der Faser Durchmesser der Edelwolle viel geringer. Dies alles führt zu dem angenehmen, weichen »Griff« auch in naturbelassenem, unbehandelten Zustand.

 

Bei vielen »Edelwollen« wird die Feinheit erst durch eine mechanische Bearbeitung der geschorenen Rohwolle erreicht. Die Granne — ein steifes Haar, ähnlich unserer Kopf Behaarung — muss von dem feinen Vlies getrennt werden. Nur das feine Vlieshaar wird zur Bekleidung exportiert und verarbeitet. Dies ist bei der Kaschmir-Ziege, beim Kamel, beim Lama und Alpaka der Fall.

 

Die Wolle des Angora-Kaninchens

Heute möchte ich mich hier mit dem Angora-Kaninchen und der von ihm gewonnenen Angora-Rohwolle befassen. Die gewonnene Angora Rohwolle ist so fein, dass Granne und Vlieshaar gemeinsam verarbeitet werden können. Angora-Rohwolle ist die feinste Natur-Wolle die es gibt. Das Angora-Kaninchen lebt hier in unseren Breiten. Es ist anspruchslos und den Menschen als echtes lebendiges »Schmusetier« zu-getan. Mehrere Sagen ranken sich um seine Herkunft. Nach alter Überlieferung soll es ein Geschenk der Göttin Ceres an die Menschen gewesen sein.

 


 

Zwei Arten von Angora-Kaninchen werden heute unterschieden:

 

1. Das »Deutsche Angora-Kaninchen«,

eine Weiterzüchtung der früheren englischen Angora-Kaninchen. Die Angora-Wolle erreicht nach 3 Monaten eine Länge von 6- l0 cm und wird durch Scheren gewonnen. Bei der Schur muss der Züchter die Angora-Rohwolle in 6 Klassen sortieren (nähere Unterlagen hierüber sind auf Wunsch vom Autor zu erhalten). Der Grannen Anteil im Verhältnis zu den Vlieshaaren beträgt ca. 5-8%.

 

 



 

2. Das »Französische Angora-Kaninchen«, das vor allem in Frankreich und in der Schweiz gezüchtet wird. Der Anteil der Grannenhaare im Vlies ist höher. Durch den höheren Anteil der Grannenhaare kann mit der Rohwollgewinnung länger gewartet werden. Alle 4 Monate wird eine Angora-Rohwoll-Länge von 8 - 14 cm erreicht. Die Rohwolle ist dann überreif und wird vom Tier bereits abgestoßen. Der Züchter gewinnt die Angora-Rohwolle durch abzupfen (rupfen) der Tiere. Sie wird speziell zu langfloriger Angora-Handarbeitswolle verarbeitet. Die Zucht-Bestände hierfür sind begrenzt.

 


 

Die zuerst beschriebenen »Deutschen Angora-Kaninchen« sind am stärksten über die ganze Welt verbreitet. Trotzdem ist Deutschland —was recht wenig bekannt ist — weltweit führend in der Angora-Kaninchen-Zucht. Jährlich werden von hier mehrere tausend Tiere exportiert. Wie bei der Nahrung, so sollten wir Menschen bei der Bekleidung auf Produkte achten, die möglichst aus unserem Lebensraum stammen. Deshalb fragen Sie bei fertigen Angora-Produkten, woher die Rohware kommt.

 

Nun, warum macht man sich die Arbeit, von so einem kleinen Tier, dem Angora-Kaninchen, die Angora-Rohwolle zu gewinnen und zu verarbeiten? Hätte Angora-Rohwolle nicht so viele vorteilhafte Eigenschaften, kein Mensch würde sich diese Mühe machen.

 

Wie in vielen Fällen bei Naturprodukten, so ist es auch hier: Man kennt seit Jahrhunderten die positiven Wirkungen, hat aber diese bis jetzt noch recht wenig erforscht. Ob Angora-Kniewärmer, Leibwärmer, Schulterwärmer, Fußwärmer oder Angora-Wäsche, wir kennen die therapeutische Wirkung. Schon die Fürsten und Könige im Mittelalter hatten dies erkannt und Angora-Produkte in Gold aufgewogen. Friedrich der Große, selbst vom Rheuma befallen, ließ in Preußen die Angora Zucht fördern. Unter seiner Regierungszeit erschien das Lehrbuch für die Zucht der »Angorischen«.

 

Wie alle Natur-Wollfasern, so ist auch die Angora-Wolle eine Proteinfaser.


Als Eiweißfaser ist sie dem Aufbau unseres menschlichen Körpers nahe verwandt.

Ein Längsschnitt durch das Angora-Haar zeigt, dass es keinen Haar Kanal, sondern Luftkammern hat (siehe Abbildung). Neueste Aufnahmen unter dem Elektronen-Mikroskop haben gezeigt, dass diese Module nicht nur Luft, sondern auch kleine Eiweißkügelchen enthalten.

 


 

Kurzzeitige Wärmeanwendung wird erfolgreich in der ärztlichen Praxis eingesetzt. Sie lockert den verspannten Muskeltonus und wirkt dadurch schmerzlindernd. Anschließend Angora-Segmente oder Angora-Wäsche getragen, verhilft zu einer guten Langzeitwirkung.

 

Der beste Wärmeisolator ist nach wie vor die Luft. Kaum ein Bekleidungsstück speichert so viel Luft wie ein naturbelassenes Angora Produkt:

Luft in der Faser

Luft im Gespinst

Luft im Gestricktem

Luft im Flausch

 

Dazu wirken die Angora-Haare wie Dochte und saugen die auftretende Transpirations-Feuchtigkeit des Körpers ab. Unmerklich für den Menschen wird diese Feuchtigkeit nach außen geleitet. Das Klein Klima auf der Haut, unter dem Angora Wäscheteil, ist trocken und gleichmäßig warm.

 

Angora-Wolle ist im Durchschnitt ca. drei mal feiner als Schafwolle; dadurch wirken mehr feine Angora-Haare pro cm2 auf die Haut ein. Feine Massage auf der Haut fördert eine gleichmäßige Durchblutung. Die Luftkammern in der Angora-Wolle sorgen für feine, gleichmäßig dosierte Wirkung.

 

Aus Angora-Wolle lassen sich heute nicht nur wärmetherapeutische Segmente und Bandagen herstellen, es gibt auch Angora-Unterwäsche in verschiedenen Stärken und Qualitäten. Herrlich leicht und angenehm sind Angora-Pullover, -Westen, -Schals und -Handschuhe in modischen Farben und modernen Ausführungen. Angora-Decken, vor allem für die Nacht, sorgen für gesunden, erholsamen Schlaf.

 

Dieser Artikel ist in vielen Zeitschriften für die Gesundheit in den Jahren 1991 und 92 erschienen.

 

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