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Angora Kaninchen > Zucht, Haltung und die Verwertung der Angora Wolle |
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Auszüge aus der Schweizer Fachzeitschrift "Die Tierwelt" Nr. 22 vom 31. Mai 1985 von Christian Jud |
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Leider habe ich von dieser Ausgabe damals kein Exemplar meiner Sammlung beifügen können. Erst in Vorbereitung dieser Dokumentation (im Jahr 2002) habe ich vom Chefredakteur Herrn Blättler freundlicherweise eine Photokopie aus dem gebundenen Jahrbuch erhalten. Herrn Blättler besten Dank dafür! Dabei bekam ich diesen Schweizer Artikel auch zum ersten Mal zu Gesicht. Dieser Artikel ist fast im gleichen Wortlaut im "Österreichischen Kleintierzüchter" erschienen. Die Photos wurden mir vom Autor Christian Jud zur Verfügung gestellt. Besten Dank.
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Es war ein kleines Wagnis, als österreichische und schweizerische Züchterfreunde rund vor Jahresfrist ihre Köpfe zusammenhielten und an eine Tagung der Angorazüchter aus beiden Ländern das Wort redeten, und das Programm für einen Kurs ausheckten. Es war dann schließlich das ganz Große Verdienst unserer österreichischen Züchterfreunde und deren Verbandsspitze, aber im besonderen von Egon Masal, Obmann des Rassekleintierzüchtervereins Dornbirn, der mit seinen Leuten für einen reibungslose Ablauf der zwei Kurstage besorgt war. Und wie sie das taten, unser Freunde im Vorarlberg, das darf einleitend mit einem großartigen Hurra und Vergelts Gott im Namen aller Beteiligten sehr herzlich verdankt werden. Dann legte sich schweizerischerseits SKV-Präsident Hans Strodel ins Zeug, im weiteren Preisrichter-Präsident Ernst Kern und Arthur Zesiger: Präsident der Schweizerischen Angorazüchter, und selbst der, höchste Boss der Schweizerischen Ornithologischen Gesellschaft, Präsident Richard Spaltenstein, überbrachte die Grüße der Schweizer an diese sehr schön Sach- und Fachtagung.
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Andere Länder, andere Bräuche |
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Herzlich willkommen geheissen wurden die rund hundert Kursteilnehmerinnen und Teilnehmer von Obmann des Rassekleintierzucht Vereins Dornbirn, im Namen de gesamten vorarlbergischen Züchterschaft und von Behörden und Bevölkerung des Landes. Freund Masal stellte die zwei bevorstehenden Kurs- und Informationstage unter die Aegide einer guten Freundschaft aller Kleintierzüchter untereinander, und derjenigen der Schweiz; und der Osterreicher im besonderen. Er erinnerte daran, dass viele Kleintierzüchterinnen und Kleintierzüchter auch in seinem Lande einer Generation angehörten, die nichts mehr von den enormen Schwierigkeiten wüssten, denen die Züchterschaft der ersten Nachkriegsjahre zu begegnen hatten.
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Der Freundschaft das Wort geredet |
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Sowohl Präsident Rudinger, wie auch SKV-Präsident Hans Strodel wiesen in ihren Ansprachen auf die Gewichtigkeit internationaler Freundschaften hin, wie sie eben diese Tagung wieder zu erbringen verspreche. Was die hohe Politik nicht zustande bringe, woran Staatsmänner noch schwer zu kauen hätten, das vermöchten die Kaninchenzüchter Europas mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit zu verwirklichen. Die Freundschaft über die Grenzen hin weg wäre heute zu einem dominanten Inhalt der freizeitlichen Kleintierzucht und Haltung geworden, und es wäre weit eher eine Sache solcher Treffen, für einander Verständnis aufzubringen, statt auf jeden Fall eine und dieselbe Meinung zu postulieren- In diesem Sinne sprachen sich die beiden Spitzenvertreter der bei-den Landesorganisationen für weitere solche internationale Zusammenkünfte mit spezifischen Themenstellungen aus.
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Unterschiedliche Angorazucht |
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Es ging nun in Fach- und Sachvorträgen, gestaltet von den Herren Ernst Kern, Hans Petzold, Franz Mäser, Arthur Zesiger und dem Vertreter der österreichischen und deutschen Angorawollverwertung Ulrich Bauer, an die eigentliche Auslegeordnung um den Stand der Angorazucht in beiden Ländern, um die Aufzeigung der Unterschiede in der Zuchtrichtung, und nicht zuletzt auch um die Erfahrungen, die in dem unterschiedlichen Vorgang jeweils gesammelt werden konnten. Es zeigte sich dann in den beiden Kurs- und Informationstagen, dass die jeweilige Zuchtrichtung nicht zuletzt aus Kreisen der Verwertung stark mitbeeinflusst werden.
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Ernst Kern dazu |
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Ernst Kern griff in der Nachzeichnung der inzwischen doch bald drei-hundertjährigen Geschichte, seit es das Angorakaninchen nachweisbar gibt, auf die absolute Sonderstellung dieser sehr interessanten Kaninchenrasse ein. Die Besonderheit dieser Rasse habe sich auch international immer wieder bestätigt, und eigentlich wüssten von keiner anderen Rasse die Kaninchenzüchter so wenig Bescheid, wie über die Angorakaninchen, und das wäre recht schade. Zu den herkömmlichen wirtschaftlichen und züchterischen Komponenten könnten die Angorakaninchen mit ihrer Wolle auf eine zusätzliche Spezialität von aller-höchster Qualität verweisen, die keiner andern Rasse innewohne. Im Angorakaninchen stehe uns eine Wirtschaftsrasse zur Verfügung, an die keine andere auch nur annähernd herankomme, bekannte Kern. In diesem Zusammenhang dankte der Präsident der schweizerischen Kaninchenpreisrichter im besonderen den Züchterinnen und Züchtern dieser hochstehenden Kaninchenrasse, er dankte dies auch dem Präsidenten der schweizerischen Angorazüchter, wie auch dem ebenfalls in Dornbirn anwesenden Präsidenten der Gruppe Säntis, Jakob Schlegel, und er dankte im weiteren, dass sich eine gute Information insbesondere in den letzten Jahren in der «Tierwelt» verfolgen lasse.
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Präsident der Schweizer Preisrichter Foto: Christian Jud |
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Die schweizerische Zuchtrichtung |
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Ernst Kern erläuterte danach die Zuchtrichtung nach schweizerischen Vorstellungen. Über viele Jahrzehnte wurde in der Schweiz ein wesentlich kleineres Angorakaninchen gezüchtet, und der Standard aus dem Jahre 1935 umschreibt es unter anderem so: «Die Größe des A entspricht einem Gewicht von 3,5 kg». Schon dannzumal wurde ein aufmerksames Auge auch auf die Wollqualität, im besonderen auch auf die Wolllänge gelegt, und die Qualität der Wolle wurde mit der Maximalnote, mit 20 Punkten, honoriert, und die Wolllänge noch einmal mit 10 Punkten, wobei die Länge von 14 Zentimeter als ideal galten. Ältere Züchter wissen denn auch zu berichten, dass es sich dannzumal schwer hielt, typenähnliche Angorakaninchen anzutreffen, dass die Zucht also ausgesprochen unausgeglichen war.
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Neuere Zuchtrichtung |
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Weiter führte Ernst Kern aus, dass man im besonderen in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz nach einer neuen Zuchtrichtung suchte, und zwar ging man da gemeinsam mit dem Hauptclub der schweizerischen Angorazüchter und der Fachtechnischen Kommission vor, letztere ist hierzulande für die Marschrichtung des jeweils gültigen Standards verantwortlich. Nicht zuletzt diktierte der massive Preiszerfall der Wolle damals die Suche nach der neuen Zuchtrichtung. Aus Frankreich lagen Angebote für die Wollabnahme vor, die eine bessere Zukunft versprachen.
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Hauptbedingung war, dass die Wolle gerupft würde, was eine eigene Qualität ergab, die bislang auf dem Weltmarkt eine Rarität darstellte und das auch heute noch ist. Ausgangstiere wurden unter mehreren Schüben im besonderen aus Frankreich eingeführt, und die Einpaarungen ergaben schon bald einmal den heutigen schweizerischen Angora-Typus, der sich in den vergangenen Jahren merklich noch verbessert hat. Es ist ein Tier mit mehr Volumen, als das im übrigen Europa angestrebt wird, mit dem Idealgewicht von 4,2 bis 4,7 Kilogramm, und einem Höchstgewicht von 5,2 Kilogramm. Ein Tier, das sich im besonderen durch das Vorhanden-sein einer schönen Abdeckung durch ein gleichmäßiges Wollvlies auszeichnet. "Es gibt auch bei uns nicht alles auf einem Tier", meinte Ernst Kern, «doch sind die Züchter gehalten, ihre Zucht auf einem gesunden und guten Fundament aufzubauen, und nur Qualitätstiere in die Zucht zu stellen, die ein hohes Maß an Anforderungen erfüllen können. Bei weitem nicht alles, was langhaarig ist, kann als Angora angesprochen werden, Im besonderen habe sich in der schweizerischen Zuchtrichtung das Verhältnis von 3:1 von der Unterwolle zum Deckhaar als für die Rupfung gut erwiesen.
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Foto: Christian Jud |
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Franz Mäser, Bundeszuchtwart |
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In seiner Eigenschaft als Bundeszuchtwart und Preisrichter erläuterte Franz Mäser den Stand der Angorazucht im österreichischen Verbandsgebiet. Wie in Deutschland, sei die Angorawolle im letzten Weltkrieg in die Kriegswirtschaft miteinbezogen worden, denn die Angorawäsche und Bekleidung wurde für die Ausrüstung der Piloten gebraucht. In jenen Jahren habe man sich hier wie dort wenig um eine eigentliche Zuchtrichtung bemüht, und beinahe alles was langhaarig war, fand seine Verwertung. Auch bei ihnen wäre nach Kriegsende der Preis Zusammenbruch gekommen, denn andere Garne synthetischer Art hätten die Fliegerausrüstungen ersetzt. In dieser Zeitspanne wäre das Angorakaninchen in unserem Nachbarland Österreich beinahe wieder verschwunden, bekannte Mäser, und es wären ganz wenige Idealisten bei der Stange geblieben. Man habe dann wieder Kontakt mit der Verwertungsindustrie aufgenommen, und der eigentliche Impuls, zur Wiederanhebung der inländischen Angorazucht, wäre von der Verwerter Seite her gekommen. Viel verpasste Zeit sei inzwischen wieder aufgeholt worden, und in diesem Sinne wären solche Informationen wie hier in Dornbirn äußerst wertvoll. Man habe sich, wie in Deutschland, fast gänzlich auf die Schur der Angorakaninchen ausgerichtet, hingegen wäre es falsch, ein Evangelium daraus machen zu wollen, was jetzt besser wäre, die Schur oder die Wollernte durch das Rupfen. Beide Erntemethoden hätten in den jeweiligen Ländern ein entsprechendes Angorakaninchen entstehen lassen, und es gehöre, so Mäser, zur kaninchenzüchterischen Feinheit, dass derlei überhaupt möglich ist. Franz Mäser unterstrich, wie sein Vorredner, die Erkenntnis, dass es nicht der Sinn einer solchen Tagung sei, die Zuchtrichtung zu verwischen, und er gratulierte den Schweizer Züchtern dazu, den Mut für eine eigene Angora-Zuchtrichtung auf-gebracht zu haben.
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Und die Verwertungsindustrie |
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Namens der österreichisch-deutschen Wollverwertung trat eben-falls Ulrich Bauer vor das Rednerpult. Er zeichnete ein langes Stück Angorawollgeschichte nach, mit der Quintessenz, dass, in der Folge der Exporte deutscher Angorakaninchen nach China, das Reich der Mitte heute zum absoluten Woll Produzenten Nummer 1 aufgestiegen sei. Die chinesische Machtstellung sei heute so erdrückend in der Produktion von Angorawolle, dass auch der internationale Preisspiegel für dieses Rohprodukt sich weitgehend nach China auszurichten habe. Bekanntlich würden aber die Löhne in China ungleich tiefer angesetzt als bei uns in Westeuropa, und so wäre der europäische Verarbeitungsmarkt in der Preisgestaltung an dieses dominierende Exportland gebunden. Man habe insbesondere aber in Deutschland dermaßen auf die Qualitätsverbesserung, aber auch auf die enorme Leistungssteigerung gesetzt, dass den europäischen Produktionen in dieser Richtung immer wieder ein gewisser Vorsprung verbleibe. Bauer: "Die Geschichte der Angorawolle war schon immer auch begleitende Weltgeschichte und Wirtschaftsgeschichte, und das wird auch in der Zukunft so bleiben."
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Kontroverse ZesigerBauer |
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In seinen vorangegangenen Ausführungen hatte Arthur Zesiger, der seit bald einem halben Jahrhundert die Geschicke der schweizerischen Angorazucht maßgebend beeinflusst und leitet, die erzielten Preise für die schweizerische Rupfwolle hervorgehoben. Das ließ Ulrich Bauer nicht unwidersprochen, und er stellte die Vergleichsrechnung dahingehend auf, dass schweizerische Angorawolle dreimal jährlich geerntet würde, die österreichische dagegen vier bis fünf Schuren ergäben. Von Wollmengen war die Rede und von Geld auch, und man fand sich dann nach einer Weile wieder in der beruhigenden Feststellung, dass hüben wie drüben die Haltung und Zucht des Angorakaninchen als eine erstrangige Freizeit Beschäftigung zu werten wäre. Immerhin bot die Dia-Schau von Ulrich Bauer einen hervorragenden Einblick in den Bereich Aufarbeitung und Verwertung der Angorawolle, welche für viele Fachleute in der Industrie das tägliche Brot ist.
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eMail: Ulr.Bauer@t-online.de |