Zur Geschichte der Zucht- und Leistungprüfung von Angorakaninchen

Prof. Heinz Pingel, Institut für Tierzucht und Tierhaltung mit Veterinärklinik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg,

Dr Manfred Golze und Romi Wehlitz, Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft, Referat Tierhaltung, Tierfütterung, Köllitsch.

Teil 4: 1945 und später ( 21_140 )

In den schweren Nachkriegsjahren mussten viele Züchter ihre Bestände völlig neu aufbauen. Die ALP in Halle begann im Jahre 1947, wurde aber auf Grund von Transportproblemen nur mit einer geringen Tierzahl beschickt.

Die an der ALP am stärksten beteiligten Zuchten bildeten auch der Kern des 1948 gegründeten Herdbuches für Angorakaninchen im Zentralverband der Kleintierzüchter E.V. Berlin, Fachabteilung Kaninchenzüchter. Im selben Jahr wurde auch in der BRD das Angoraherdbuch eingerichtet.

In den von TEGTMEYER (1950) ausgearbeiteten Herdbuchbestimmungen heißt es u.a. zur Körung und Eintragung in das Herdbuch.

Rammler „Nachweis einer eigenen Jahresleistung von mindestens 380 g Wolle in der ALP;“

Häsinnen „Nachweis einer eigenen Jahresleistung von mindestens 400 g Wolle in der ALP oder im Zuchtbetrieb.“

„Die in den Zuchtbetrieben ermittelten Jahreswollmengen können nur anerkannt werden, wenn die Vierteljahresschurmeldungen für die betreffenden Tiere ordnungsgemäß erfolgt sind“.

Zur Aufgabe der ALP heißt es in § 1: Die ALP steht als Maßnahme zur Förderung der Zucht des Angorakaninchens auf Leistung und Schönheit im Dienst der Angoraherdbuchzucht, ...

Durch eine exakte Ermittlung der Wollleistung in Verbindung mit einer eingehenden Beurteilung der Prüfungstiere soll der züchterische Stand des zum AH gehörigen Tiermaterials bezüglich Vliesbeschaffenheit und Wollleistung, Körperbildung und Rassetyp in der ALP laufend überwacht werden.....



Bei der Angorakaninchenzucht handelt es sich von Anfang an um die Zucht eines Nutztieres in Liebhaberhand. Deshalb musste neben der Leistungsermittlung auch eine Bewertung der Prüfungstiere durch Zuchtrichter erfolgen.

Der Ausprägungsgrad solcher Merkmale wie „Büschelbildung und Fußbehang“ ist zwar kein sicheres Zeichen für hohe Wollleistung, aber schließt diese nicht aus, wenn diese Merkmale nicht überbetont werden, was auch aus Tierschutzgründen abzulehnen ist.

Zwischen Dichtebonitur der Ohrbüschel und Jahreswollertrag konnte Neumeister (1957) keine Beziehung feststellen (r = 0,03). SCHLOLAUT (2003) gibt dagegen eine negative Beziehung von r = - 0, 26 zwischen Grad des Kopf- und Ohrenbehangs zur Wollmenge an.

Mit der Vererbung von Haarbüscheln und Wollmenge befasste sich PICKARD (1930). Er ermittelte durch systematische Paarungen einen dominanten Erbgang für Büschelbildung.

Paarungen von büschellosen Eltern brachten ausschließlich büschellose Nachkommen, während die Paarung von Tieren, die nachweislich heterozygot für Büschelbildung waren, mit büschellosen Tieren annähernd die gleiche Zahl von Nachkommen mit und ohne Büschel ergab.

Auch den genetischen Einfluss auf die Wollmenge versuchte er zu klären. Bei den Paarungen von Tieren mit hoher bzw. niedriger Wollmenge jeweils untereinander zeigte sich ein starker genetischer Einfluss auf dieses Merkmal.

Die Aussage von PICKARD.(1930), dass die Wollmenge dominant vererbt wird, trifft jedoch nicht zu. Es handelt sich hierbei um ein quantitatives Merkmal, das auf der Wirkung mehrerer Gene beruht und von der Umwelt modifiziert wird.

Mit Hilfe der in der modernen Tierzucht üblichen Methoden der Biostatistik schätzte SCHEPENS (1968) einen Erblichkeitsgrad von h²=0,4, d. h. der genetisch bedingte Anteil an der Varianz der Wollmenge liegt im mittleren Bereich.

Auch in China sind Erblichkeitsgrade um 0,3 geschätzt worden. Bei scharfer Selektion mit großen Selektionsdifferenzen kann ein deutlicher Zuchtfortschritt erzielt werden. 

 Am 1.1.1954 umfasste das Angoraherdbuch in der DDR 53 Mitglieder, die vorwiegend im mitteldeutschen Raum angesiedelt waren.

Zwischen den ALP in Halle und Celle gab es eine enge Zusammenarbeit die ihren Niederschlag in der Dissertation von KETTNER (1962) fand.

In den Untersuchungen von KETTNER (1962) wurde die Leistung von Angorakaninchen aus dem Kieler und Halleschen Zuchtgebiet verglichen.

Tab. 5. Vergleich der Angorakaninchen aus dem Kieler und Halleschen Zuchtgebiet im Jahre 1958 unter gleichen Bedingungen (KETTNER, 1962)

 

Kiel 1,0

Kiel 0,1

Halle 1,0

Halle 0,1

tägl. Eiweiß-aufnahme, g

15,7

16,3

15,5

16,3

tägl Aufnahme an StE

74,9

77,3

73,7

77,4

Mittleres Kör-pergewicht, kg

3,39

3,70

3,32

3,68

Jahreswoll-menge, g

624

693

589

669

Anteil Sorte I

68,4

82,0

58,7

77,9

Nährstoffauf-

wand je g Wolle

9,2 g Eiw.

44,1 StE

8,5 g Eiw

40,5 StE.

9,3 g Eiw.

44,8 StE

8,3 g Eiw.

39,3 StE

Wollfeinheit, µm

11,8

12,1

11,9

12,0

Wolllänge, cm

6,29

6,11

6,45

6,10

Die  tägliche Nährstoffaufnahme je Tier betrug 16 g Eiweiß und 76 Stärkeeinheiten.

Die Rammler wogen 3,37 kg und die Häsinnen 3,69 kg. Die Jahreswollmenge lag zwischen 600 und 700 g.

An Hand von 732 Messungen ermittelte KETTNER (1962) folgende Mittelwerte für Wolleigenschaften: 11,9 µm Durchmesser, 6,2 cm Haarlänge, je cm 6,9 Kräuselungsbogen und 2,93 % Grannenanteil. 

Unterschiede gab es zwischen der Wolle von verschiedenen Körperstellen, zwischen Schurterminen und zwischen den beiden Geschlechtern.

Die Angoraleistungsprüfung in Halle konnte auf 300 Tierplätze erweitert werden, so dass fast die gesamte Nachzucht der Herdbuchzuchten der DDR, die für die Zuchtnutzung vorgesehen war, geprüft werden konnte.

Als Folge der mit der Hochschulreform 1968-1970 verbundenen Änderungen an den landwirtschaftlichen Fakultäten wurde die ALP am neutralen Ort 1975 in der DDR eingestellt. Die Leistungsprüfung erfolgte danach nur noch durch Schurkontrollen in den Herdbuchzuchten im Rahmen des VKSK.

   In der BRD fand die ALP in verschiedenen Prüfstationen statt. Am 1. Dez.1957 wurden die Richtlinien der DLG für die Durchführung von Stationsprüfungen auf Wollleistung beim Angorakaninchen in Kraft gesetzt. Später kam es verschiedentlich zur Überarbeitung bzw. zur Anpassung an die veränderten Bedingungen (GOLZE, 2004).

Nach KOETTER (1963) wurden in der BRD Anfang der 60er jährlich etwa 500 Tiere in den ALP und 2000-3000 Tiere bei Herdbuch- und Kreisschurkontrollen geprüft.

Auf der Grundlage dieser umfangreichen Leistungsprüfung konnte eine effektive Selektion auf höhere Wollleistung verwirklicht werden.

Die Leistungsentwicklung der Angorakaninchen nach den Ergebnissen der ALP legt beredtes Zeugnis ab für den züchterischen Effekt auf die Wollmenge,  ohne den Einfluss von Haltungs- und insbesondere Fütterungsfaktoren  schmälern zu wollen.

Tab. 6.    Entwicklung des Jahreswollertrages der Angorakaninchen (SCHLOLAUT, 2003, ergänzt)

Jahr

Prüfstation

Anzahl

Prüftiere

Jahreswoll-

ertrag, g

 

 

Rammler

Häsinnen

Rammler

Häsinnen

1935

Halle

 

 

330 (263-395)

422 [236-512)

1957

Halle

20

17

613(

681

1960

Neu-Ulrichstein

42

62

672 (538-877)

756 (550-1025)

1970

24

35

882 (696-1039)

977 (678-1504)

1980

133

91

1027 (692-1284)

1160 (888-1440)

1989

184

115

1174 (652-1716)

1388 (860-2036)

1993

84

61

1243 (920-1840)

1430(1028-2008)

2001 (53. Pr.)

Kitzingen

25

24

1247 (839-1931)

1433 (1118-1784)

2002

Sachsen

 

 

1288 (-1905)

1507 (-1857)

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