Geschichte und Entwicklung der Angorazucht und Wollleistungsprüfungen

Von Dr Manfred Golze, Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft

Teil 04:

Entwicklung der Angorawollleistungsprüfung (20_340)

Wie bereits ersichtlich, ist die Geschichte der Angorazucht lang und sehr wechselhaft. In gleichem Maße ist die Leistungsprüfung eng damit verbunden. Teilweise war die Nachfrage nach hochwertiger Wolle nicht abzusichern. Gute Preise bildeten den Anreiz zur Angorakaninchenzucht und zur Wollsteigerung.

Durch umfangreiche wissenschaftliche Unterstützung und Förderung durch staatliche Stellen und später besonders durch die Errichtung staatlicher Wollleistungsprüfstationen wurde die Zucht des Angoras positiv beeinflusst und die Wollleistung beträchtlich gesteigert.

Die Entwicklung des Wollabsatzes ist sehr starken Schwankungen unterworfen, damit auch die Zucht- und Leistungsprüfung.

In den Jahren 1914 bis 1918 veranlasste die Bevölkerung aufgrund der Mangelerscheinungen an allen Stellen den weißen Wollträger zu schätzen und zu halten. Nach dem es der Bevölkerung nach dem 1. Weltkrieg wieder besser ging, sank das Interesse für diese Tierart.

1920 – 1930 kam es zu einer erneuten starken Nachfrage und die Angorakaninchenzucht bekam einen neuen großen Aufschwung. Dafür verantwortlich waren kleinere Wollindustriebetriebe, die volkswirtschaftlich bedeutungsvoll waren und die Spinnindustrie sich der Angorawolle annahm.

Einen großen Aufschwung nahm die Angorazucht ab 1941 in diesen unsagbar traurigen 2. Weltkrieg. Es stieg der Bedarf sehr stark an. Es wurden private und staatliche Angorafarmen geschaffen. Allein 1941 hielten die Heeresstellen 25.000 Angorakaninchen. Nach Dorn (1964) hat sich diese Zahl bis zum Ende des 2. Weltkrieges noch wesentlich gesteigert. Angorawolle wurde als kriegswichtiger Rohstoff „beschlagnahmt“. Erst nach dem 2. Weltkrieg konnten die Züchter wieder frei entscheiden, was sie mit ihrer Wolle anschließend taten.

Einen weiteren Aufschwung für die Angorazucht gab es 1960 bis 1970 nicht durch die Wolle, sondern durch die Nachfrage an 30.000 – 40.000 Zuchttieren für China. Ein letztes Hoch konnte Ende der 70er Jahre/Anfang 80er des vergangenen Jahrhunderts verzeichnet werden, nach dem in China die Lieferungen nicht möglich waren und die Raumfahrt an diesen sehr leichten Isolierstoff, als auch die UNO-Truppen, Interesse zeigten.

In den Jahren 1990 bis in die heutige Zeit besteht kaum Nachfrage an Angorawolle, so dass sehr schlechte Preise auf dem Markt erzielt werden, die Zuchten sehr stark zurück gegangen sind und nur wenige Züchter das als kleines Hobby nutzen.

Betrachtet man die Entwicklung der Angorawollleistungsprüfung, so kann mit recht geschlussfolgert werden, dass die Leistungsentwicklung mit nahezu keiner anderen Leistung von landwirtschaftlichen Nutztieren vergleichbar ist.

1920 betrug der durchschnittliche Jahreswollertrag eines Kaninchens etwa 200 g. Nach Dr. Tänzer, dem Begründer der Angorawollleistungsprüfung und dem Wissenschaftler, der die Prüfordnung für Deutschland erarbeitete im Institut für Kleintierzucht der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, erreichten die Angoras in Deutschland 1932 im Mittel eine Jahresleistung von 300 g Wolle. Englische Rekordtiere erreichten zu diesem Zeitpunkt 300 – 400 g Wolle.

Die erste Wollleistungsprüfung 1935/1936 ließ Ergebnisse der Häsinnen im Mittel von 422 g Jahreswollleistung und der Rammler im Mittel von 330 g Jahreswollleistung verzeichnen.

Im Jahre 1953 wurden nach Metzler (2002) bereits Leistungen von 700 – 800 g pro Tier und Jahr erreicht. Schäfer (1959) schrieb für den 36. Durchgang der Wollleistungsprüfung am Institut für Kleintierzucht der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, dass die Häsinnen zu 60 % mehr als 600 g Jahreswollleistung und die Rammler zu 7 % mehr als 650 g Jahreswollleistung erzielten.

Nach Metzler (2002) wurde anfangs der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Schallmauer von 1.000 g Jahreswollleistung eines Angorakaninchens in Deutschland durchbrochen.

1957 anlässlich des 44. Durchgangs der Angorawollleistungsprüfung hatten die beste Häsin 1.111 g Jahreswollertrag und der beste Rammler 1.015 g Jahreswollertrag zu verzeichnen. 1980 wurden in den Angorawollleistungsprüfungen der damaligen BRD Spitzenleistungen von 1.500 g Jahreswollertrag je Kaninchen erzielt.

Aktuellere Zahlen sollen den gegenwärtigen Stand unserer Kaninchen in Deutschland wiedergeben. So wurden in einer der letzten Leistungsprüfungen in Rheinland-Pfalz in Neumühle 1999 bei den Häsinnen im Mittel ein Jahreswollertrag von 1.496 g und bei den Rammlern von 1.384 g Jahreswollertrag erzielt.

In einem der letzten Angoraleistungsprüfungsdurchgänge in Bayern, dem Institut für Tierhaltung und Tierschutz in Kitzingen, wurden im Prüfdurchgang 2001 1.433 g als Jahreswollertrag der Häsinnen und 1.157 g als Jahreswollertrag bei den Rammlern realisiert.

Im ersten Durchgang der Angorawollleistungsprüfung in Sachsen in Dohna bei Pirna, nicht weit von Dresden, erzielten im Jahre 2002 die Häsinnen im Mittel ein Jahreswollertrag von 1.507 g und die Rammler von 1.288 g.

Vergleicht man diese aktuellen Werte zum Ausgangsniveau, so sind sie beachtlich. So weilte Prof. Dr. Pingel 2002 in China. Er konnte dort feststellen, dass im Mittel die Population ein Jahreswollertrag von 1.500 g realisiert, Zuchttiere in die Zucht aufgenommen werden, die mindestens 2.000 g Jahreswollertrag aufweisen und Rekordtiere bei 3,3 kg Jahreswollertrag liegen.

Fasst man diesen Werdegang zusammen, so kann man feststellen, dass der Wollertrag in 30 Jahren Zuchtarbeit mit integrierter Leistungsprüfung und wissenschaftlicher Betreuung sich verdreifacht hat. Zu den Anfängen der Angorazucht Anfang des vergangenen Jahrhunderts vergleichend sogar das Siebenfache und bei internationalen Spitzenzuchten heute bereits das Zehn- bis Fünfzehnfache erreicht werden kann.

Leider wurde bereits im Jahre 1975 in der ehemaligen DDR aufgrund fehlender Voraussetzungen die Angoraleistungsprüfung eingestellt. Es wurden nur noch Schurkontrollen in Herdbuchbetrieben durchgeführt und der Herdbuchstelle mitgeteilt.

Bei dieser unterschiedlichen Umwelt konnte keine exakte Leistungsprüfung mehr durchgeführt werden, sondern es wurden nur noch reine Sachstandsberichte erstellt.

Ab Ende der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde eine nach der anderen Angoraleistungsprüfstation in den ehemaligen alten Bundesländern geschlossen. So sind auch sehr traditionsreiche wie Neu-Ulrichstein in Hessen oder Neumühle in Rheinland-Pfalz zu nennen.

In Neu-Ulrichstein wurde immerhin das aktuelle Prüfregime der DLG-Richtlinie sowie die Fütterung für die Prüfung erarbeitet.

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eMail: Ulr.Bauer@angora.de