Autor: Ulrich Bauer sen. D-73751 Ostfildern

mailto:Ulr.Bauer@angora.de

2. Angora Kaninchen > Geschichte der Angora Kaninchen Zucht,

Angora-Kaninchen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 1900 - 1949

Ein Trend der sich durch alle Zeiten zieht:

Besteht von der verarbeitenden Industrie ein große Nachfrage nach Angora Wolle, so blüht die Angora Kaninchen Zucht auf!

Geht die Nachfrage nach Angora Produkten zurück werden schlechte Preise oder gar keine Preise mehr für die Angora Rohwolle bezahlt.

Deshalb:

Wer eine Angora Zucht in größerem Umfang plant muss sich an erster Stelle um den Absatz der erzeugten Angora Produkte sorgen!

 

Angora Kaninchen wurden am Anfang des 20. Jahrhundert noch überwiegend für Schaueffekte gezüchtet. Prämiert wurde die Woll Länge der Tiere. Spitzentiere erreichten eine Länge der Angora Wolle von 20-30 cm.

Da musste jeden Tag gekämmt und gebürstet werden.


Diese Angora Wolle hatte für die Industrielle oder auch Manufaktur Verarbeitung keine Bedeutung.

 



Aus Bungartz:_ Nutz Kaninchenzucht 1922

 

In Österreich erschien eine Rassebeschreibung zur Kaninchenhaltung von Alfred Russe in den Jahren 1903 ( Erste Auflage ) bis 1921 ( letzte Auflage.)

Die Gesamtauflage soll 40 - 45 Tausend betragen haben.

 

Hierin wird das Angora Kaninchen wie folgt beschrieben:

Hat einen mäßig gestreckten Körper, ziemlich großen Kopf mit Ohrbüschel geziert, rosarote Augen bei weißen, dunkle Augen bei dunkel-farbigen Tieren. Die Wolle ist 7 - 22 cm lang. Die seidenweichen, glänzenden Haare sind am Rücken und an den Seiten reichlich sanft wellig oder leicht gelockt, von weißer mit unter auch grauer, schwarzer oder brauner Farbe. Die Tiere werden hauptsächlich gerupft, und zwar viermal im Jahr. Beim Kämmen und Bürsten erzielte man bei Rammlern 150g, bei Häsinnen100 g pro Jahr. Es ist auch bekannt, dass verschnittene Rammler mehr und schönere Haare geben.

 


Englischer Typ eines Angora Rammlers ca. aus dem Jahr 1925.

Auch eine viermalige Schur wird erwähnt, und zwar in Russland, wo auch Angorazucht betrieben wurde.

Die Angorazucht in Frankreich wird besonders hervorgehoben. Der Fabrikant Patard Chatelein in Lons-Saunier (Savoyen) verarbeitet seit 30 Jahren Kaninchenhaare. Er lässt von seinen Ortsbewohnern viele Angorakaninchen züchten und kauft auch noch auswärts Wolle auf. Die Jahresmenge der verarbeiteten Angora Rohwolle beträgt 10 000 kg

 

Die Notlage der Bevölkerung im ersten Weltkrieg führte zu einer enormen Nachfrage nach Angora Wolle zur Verarbeitung für Bekleidung. Überall wurden Angora Kaninchen gehalten.

 

Nach dem 1 Weltkrieg sank die Nachfrage und die Angora-Rohwolle wurde fast unverkäuflich, da niemand sich um die Weiterverarbeitung der Angora Rohwolle kümmerte.

Dadurch wurden auch kaum mehr Angora Kaninchen für die Angora Woll Produktion gehalten.


Es wurde dann eine "Reichszentrale für Seidenkaninwirtschaft" gegründet. Dadurch gelang es die Angora Woll Produktion zu steigern und für die Verarbeitung in den Griff zu bekommen.

 

Ab ca 1926 Beginn der wissenschaftlichen Arbeiten am Angora Kaninchen

Prof. Tänzer vom Tierzuchtinstitut Halle, durch Studienreisen nach England angeregt, schlug vor, das damals noch im Ausstellung Typ stehende Deutsche Angora Kaninchen mit Hilfe englischer Importe zu einem Wirtschaftskaninchen um zu züchten.


Das Englische Angora Kaninchen zeichnete sich durch ein besonders dichtes Woll Vlies mit feiner, gut gekräuselter Angora Wolle und wenig Grannenhaaren aus.

Prof. Tänzer hat sich mit der Feinheit der Angora Wolle befasst. ausgehend von der Feststellung, dass Angorawolle in der Feinheit des englischen Typs allen anderen Tierhaaren überlegen ist, räumte Tänzer dem Angorakaninchen eine besondere volkswirtschaftliche Bedeutung ein.

 


Angora Nachwuchs Planung im Jahr 1928. Aufnahme aus dem eigenen Archiv zeigen Rammler und Häsin aus der damaligen englischen Zucht Linie

Weitere historische Aufnahmen aus unserer Zucht finden Sie unter diesem Link!

Prof. Tänzer stellte fest, dass die Angora Wolle fähig ist alle Temperaturunterschiede auszugleichen. Seine Untersuchungen über die Verwertbarkeit der Angorawolle für Heilwäsche schufen gleichzeitig die Voraussetzung für den weiteren Ausbau der Angora Zucht in Deutschland. Tänzer regte an, die Angora Kaninchen regelmäßig alle 90 Tage zu scheren und führte die Sortierung der Angora Rohwolle ein. Dadurch wurde für die Textilindustrie die Voraussetzung für die industriellen Verarbeitung der Angora Rohwolle geschaffen.


Tänzer erkannte die Wichtigkeit der industriellen Verarbeitung der Angora Rohwolle zu Produkten.

Er konnte 2 Industriebetriebe für die Verarbeitung gewinnen:

-Firma Wulff und Sohn in Heide in Hollstein und

-Firma Lenk-Rodewisch im Vogtland.

1933 stellte das preußische Landwirtschaftsministerium erstmalig wieder Tänzer Mittel zur Verfügung, um die Durchführung von Angora Leistungsprüfungen durchzuführen.

Leider verhinderte der plötzliche Tod Tänzers die weitere praktische Durchführung der Arbeiten am Tierzucht Institut in Halle.


 

Fangauf, von der Lehr- und Versuchsanstalt Kiel Steenbek führte dann diese Aufgabe weiter, sodass dort 1934 die erste Leistungsprüfung stattfinden konnte.

 

Im Jahre 1935 konnte dann auch das Tierzuchtinstitut der Universität Halle mit seinen Angora Leistungsprüfungen beginnen. Hier wurden die züchterischen Gedanken Tänzers von Tegtmeyer fortgeführt.

36 Buchten für die Unterbringung der Prüfungstiere standen in Halle zur Verfügung. Diese mussten allerdings gleich um 24 Stallbuchten erweitert werden, da die Nachfrage so groß war.


Bis 1945 beteiligten sich 168 Angora Züchter aus 17 verschiedenen Landesteilen mit insgesamt 810 Angorakaninchen an der ALP des Tierzuchtinstitutes Halle.

 

1930 machte Cronberger die Angora Züchter auf die "Linienzucht" und ihre Vorteile aufmerksam. Er empfahl die Inzucht als geeignetes Verfahren zur Konsolidierung der Erbmasse.

 

Karl Scheurer, der Gründer der späteren Firma Medima, schreibt im Rückblick auf die 30er Jahre wo er selbst als Angora Züchter begann: "Als ich mir selbst einen Angora Stall einrichtete, war die Angora Zucht in Deutschland kaum mehr als ein Sport. Auch wenn die Hasenhaare schon seit Jahrhunderten versponnen wurden. Eine darauf beruhende Nutzung durch eine Industrielle Produktion, die einen allgemein zu erschließenden Bedarf befriedigte, gab es kaum. Ein durch Überlieferung bezeugte und oft erprobtes Wissen um die Heilkraft der Angorawolle war (in der Bevölkerung) vorhanden.

 

1933 war eine neue Regierung in Deutschland an die Macht gekommen. Diese Regierung hatte große Ziele und Pläne, die dem Volk aber verschwiegen wurden.

Vor allem plante plante sie die militärische Aufrüstung und darunter vor allem den Aufbau einer starken Luftwaffe die in große Höhen vorstieß.

 

Im ersten Weltkrieg hatte man bereits erfolgreich Flugzeuge bei den Kampfhandlungen mit eingesetzt. Diese neue Regierung in Deutschland hatte ehrgeizige Ziel. Sie wollte eine besonders große und starke Luftwaffe aufbauen.

In der Luft oben ist es aber kalt. Heizungen in den Flugzeugen waren untergeordnet. Die Flugzeuge sollten Munition und Bomben transportieren. Trotzdem musste aber das "Fliegende Personal" diese Strapazen für die Gesundheit gut bestehen können.
Da konnte man sich nur noch warm anziehen!

 


 

Forschungsinstitute wurden eingesetzt um die beste Faser für die Bekleidung der Flugzeugbesatzungen zu finden.

Folgende Probleme standen an:
Es musste eine Faser gefunden werden, die auch bei stundenlangen Flügen in großer Höhe und bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt den Körper warm und fit hält.
Kam es zum Luftkampf, so ging es auf Leben und Tod.

Der Schweiß floss, trotz der Kälte, in Strömen. Wenn dies alles überstanden war, war es auf dem Rückflug wieder stundenlang eisig kalt. Auch der gesündeste und abgehärteste Körper kann diese Prozedur nicht laufend durchstehen, wenn er nicht durch die richtige, wirksame Kleidung geschützt wird.

 

Und die Faser wurde gefunden. Es ist unsere Angora- Wolle die diese Anforderungen voll erfüllt hat.
Nach dem 2. Weltkrieg traf man immer wieder ehemalige Luftwaffen-angehörige. Sie sangen ein großes Loblied auf ihre "Angorawäsche" in dieser Kriegszeit. Ein ehemaliger Luftwaffensoldat behauptete einmal mir gegenüber, die Angora Wäsche habe ihm und vielen Kameraden das Lebengerettet.

 

Diese Nachfrage nach der Angora-Rohwolle setzte ab 1934 ein.

Selbst auf den Plakatwänden und Anschlagsäulen wurde damals für die Angora-Kaninchen-Zucht in ganz Deutschland geworben.

Auf den Fliegerhorsten, in den Lagern des Arbeitsdienstes und in den sonstigen Lagern wurden Angora-Kaninchen gezüchtet und die Angora-Wolle gewonnen. Es ist bekannt, dass selbst Luftwaffen-Generale bei der Besichtigung eines Flughorstes, die Besichtigung der Angora-Zucht mit auf dem Programm hatten.
Dann wurde selbst die Angora-Zucht-Anlage militärisch in Ordnung und auf Vordermann gebracht.

 

Plakatwänden mit Werbung für Angora Kaninchen Zucht ca 1938. Eine Anschlagsäule am Potsdamer Platz ist tagelang nur mit Angoraplakaten beklebt!

 

Den Angora Züchtern wurde mit RM 40.- pro 1 kg Angora- Wolle der 1. Sortierung ein fester Preis für ihre Rohwolle garantiert. Für die anderen Sortierungen wurde bezahlt: Klasse 2: RM 30.-, Klasse 3 RM 20.-, Filz zwischen RM 7.-. bis RM 15.-

Die Arbeiten der Angora-Züchter wurden als "Volkswirtschaftlich sehr wertvoll" eingestuft.

Woll-Leistungsprüfungen wurden von verschiedenen staatlichen Instituten durchgeführt und so die Angora- Kaninchenzucht in Deutschland sehr stark gefördert.

Im Jahrbuch der Kaninchenzüchter von 1939, herausgegeben von der "Reichsfachgruppe Kaninchenzüchter im Reischsverband Deutscher Kleintierzüchter", sind rund 1000 Anschriften von Angora Kaninchen Züchter aufgeführt, die Angora Jungtiere verkaufen! Auf den Fliegerhorsten und in den sonstigen Lagern soll es 25 000 Angora Kaninchen gegeben haben. Insgesamt soll es im ganzen, damaligen Deutschen Reich 1939 einen Angora Bestand von 250 000 Tieren gehabt haben.


 Dieses Jahrbuch enthält unter anderem folgende Artikel über die Angora Kaninchen Zucht:

-Lohnende Angora-Haltung von Erich Gentz Bunzlau.

-Die begehrte Angorawolle von Dr. Grzimek.

-Die Vereins- Schur-Kontrolle für Angora Kaninchen von Walter Gadsch Berlin

______________________________________

Auch in den Konzentrationslager mussten Angora- Kaninchen gehalten werden.

Näheres hierüber mit Photos unter folgenden Link:

http://en.wikipedia.org/wiki/Angora_project

http://www.wpr.org/news/angora.cfm

http://wisconsinhistory.org/whi/results.asp?search_type=advanced&search_field1=collection_name&keyword1=angora-zuchten  

In den nun folgenden Kriegsjahren ( 1939 - 1945 ) wurden die Hausfrauen in Deutschland zur Arbeit in den Rüstungsfabriken zwangsverpflichtet. Frauen, die eine Angora Zucht betreuten, waren davon jedoch ausgenommen und konnten sich weiter ihrer Angora Zucht widmen.

 

Nach 1945 war dies alles vorbei.
Bis 1948 war noch Notzeit und man war froh, wenn man ein Bekleidungsmaterial, wie Angora Wolle, hatte. Nur die Verarbeitung war schwierig.

Nach 1948 setzte wieder die normale Wirtschaft ein und der Preis für die Angora-Rohwolle wurde durch das Spiel der Kräfte von Angebot und Nachfrage geregelt.

 

<<<zurück zur vorherigen Seite

weiter zur nächsten Seite>>>

<<<zurück zur letzten Übersicht

weiter zur nächsten Übersicht>>>

<<<zurück zur Hauptübersicht

eMail: Ulr.Bauer@angora.de